Es ist 9:30 Uhr an einem Dienstagmorgen. „Hallo“, haucht es mir aus der Gruppe Schüler einer achten Klasse, die den Raum betreten, entgegen. Noch nicht ganz wach, ganz klare Sache. Das wird sich aber sehr bald ändern. Der Schulsozialarbeiter Hermann Flörke, der das Training leitet, steht nämlich schon in den Startlöchern.
„Herzlich Willkommen zu Packma’s“ begrüßt er freundlich und schon geht’s ans Eingemachte. Denn die achte Klasse

hatte den Gewaltpräventionskurs bereits in der sechsten Klasse und dies ist ein Auffrischkurs. Was ist hängengeblieben? „Wisst ihr noch wer Dominik Brunner war?“. Das sollten sie noch wissen. Es kommen ein paar Wortmeldungen. Guter Start. Weiter. „Warum machen wir das heute? Wer kann’s erklären?“. Da wird es schon lebhafter: „Damit wir wissen, was wir machen können, wenn wir Gewalt beobachten oder wir in so Situationen geraten.“ Genau das.
Kleiner Rückblick: Dominik Brunner wurde vor zehn Jahren auf dem S-Bahnsteig Solln von einer Tätergruppe so schwer verletzt, dass er wenig später im Krankenhaus verstarb. Er wollte ein paar Kindern helfen, die von dieser Gruppe belästigt wurden, und zeigte somit enorme Zivilcourage. Nach seinem Tod gründeten Angehörige die Dominik-Brunner-Stiftung um Menschen zu mehr Zivilcourage zu ermutigen und zu befähigen, sich in Gewaltsituationen behaupten zu können. Das Motto: Hinschauen statt Wegsehen. 
„Packma’s“ ist das Vorzeigeprojekt der Stiftung und läuft seit 2012 als Gewaltpräventionsprogramm speziell für Schulen. 
Da Aktivität immer besser als reden ist (im Schnitt kann jeder Erwachsener nämlich nur maximal 20 Minuten am Stück zuhören), sind die nächsten drei Stunden gespickt mit Rollenspielen, Übungen zur Verbesserung der Klassengemeinschaft und Diskussionen. Zum Beispiel die sogenannte Gewaltleiter. Jeder Schüler bekommt ein Papier mit einer Aussage bedruckt zugeteilt. Auf dem Boden liegen die Zahlen 0 bis 100. Null heißt, dass es keine Gewalt darstellt und steigert sich bis zur 100, die absolute Gewalt. Nun soll jeder einzeln laut vorlesen, was auf dem Zettel steht und nach seiner Meinung die Aussagen auf dieser Skala ablegen. „Mit 100 km/h durch die Ortschaft brettern“ oder „eine Mutter beschimpft ihr Kind wüst in der Öffentlichkeit“ sind nur einige Beispiele. Haben alle abgelegt, wird diskutiert. Warum hat der Mitschüler die Aussage dort platziert? Es geht hoch her. „Das ist doch keine Gewalt, das ist asozial“, ist nur eine Meinung. „Wer definiert denn, was Gewalt ist?“, fragt Herr Flörke. „Na ich selber.“ Genau, denn das Opfer bestimmt, ob sich das gewalttätig angefühlt hat. Und nicht der Täter.
Nun aber genug diskutiert, jetzt werden Teilnehmer für ein Rollenspiel gesucht. Simuliert wird eine typische U-Bahnsituation, es ist abends, die U-Bahn ist voll und alle wollen nur nach Hause. Eine tapfere Schülerin spielt das Opfer und wird fachgerecht belästigt (alles natürlich noch sehr harmlos, wir sind ja an der Schule). Wie reagiert sie? Wie reagieren die anderen? „Ich habe gar nichts mitgekriegt, sie hätte lauter sein müssen“. Was hätte sie anders machen können? „Sich Hilfe holen, schreien.“ Ok, dann nochmal, diesmal versucht das Opfer die Ratschläge umzusetzen. „Lassen Sie mich in Ruhe!“, schreit sie, tippt einer Person vor sich auf die Schulter und sagt laut: „Helfen Sie mir bitte, der Mann belästigt mich, ich will hier weg.“ Danach gibt es erstmal herzlichen Applaus für das Opfer, keine einfache Rolle für sie. Gut gemacht!
Ich bin beeindruckt, mit welchen einfachen Mitteln man den Jugendlichen die Wichtigkeit von Gemeinschaft, Hinsehen und Verantwortung zeigen kann. Und auch ich weiß nun, was ich in brenzlichen Situationen tun kann. Denn nur weil man Erwachsener ist, weiß man eben auch nicht alles. Danke, Packma’s!
(Pia Helm, Praktikantin am ASG und Studentin im Dualen Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit)